Zunächst etwas Allgemeines: Man sollte so angemessen leben, so angemessen Geld ausgeben und sich so angemessen präsentieren, dass ein harmonischer Gleichklang entsteht. Jemand, der einen BMW, Mercedes oder Porsche fährt, oder eine Frau, die Chanel, Hermès oder Christian Louboutin trägt, sollten keine Dreiviertelliterflasche Wein und keine Halbliterflasche Olivenöl zu einem Preis von unter 10 € kaufen. Alle Aspekte der persönlichen Lebensgestaltung sollten im Gleichgewicht sein: Die Ausbildung, der Freundeskreis, die Wohnung, die Einrichtung, das Auto, die Bekleidung, die Lebensmittel, der Urlaub, die Hobbys. Wenn man ein Auto fährt, für das man womöglich einen sechsstelligen Eurobetrag aufgewandt hat, warum trägt man dann Schuhe für 40 € oder kauft Olivenöl und Wein für 5 €? Das passt nicht zusammen und die einzelnen Lebensbereiche harmonieren nicht miteinander.

Ich fange meine Blogreihe deshalb mit dem Preis an, damit Sie sich gleich zu Anfang Ihrer eigenen Wertschätzung vergewissern können. Denn falls Sie feststellen sollten, dass eine 0,5-Liter-Flasche Olivenöl ihnen keine 10 € wert ist, dann brauchen Sie den Rest eigentlich nicht mehr zu lesen. Es hängt von Ihren Prioritäten ab. Was mich betrifft, so kann ich sagen, dass ich nie in meinem Leben ein Lebensmittel nach dem Preis ausgesucht habe. Darauf achte ich bei
Lebensmitteln nicht, sondern auf qualitative Kriterien. Will ich ein Lebensmittel genießen, so gönne ich mir den Luxus, es in der höchsten Qualität zu kaufen. Es handelt sich hierbei nicht um Verschwendung, Dummheit, Snobismus oder Arroganz. Es geht nicht um die offensive Zurschaustellung von Reichtum oder gesellschaftlichem Status.

Vielmehr geht es um meine persönliche Wertschätzung für Nahrungsmittel – ich schätze hohe Qualität – ich liebe hochwertige Lebensmittel – ich will sie unbedingt genießen.

Bei einem Auto habe ich meine Schmerzgrenzen. Es soll sicher sein und von A nach B fahren. Aber ein Lebensmittel ist für mich mehr als eine reine Notwendigkeit, es ist ein Genussmittel. Natürlich muss man satt werden – darum geht es hier aber nicht. Man kann sich auch ohne Olivenöl ernähren, allerdings weniger gut! Für gute Lebensmittelqualität sind nach oben für mich eigentlich fast keine preislichen Grenzen gesetzt. Und falls ich mir ein Produkt für einen
bestimmten Preis nicht leisten kann oder möchte, kann ich mich für ein anderes Produkt entscheiden, das günstiger hergestellt werden kann.

Ein Kilo unreife Oliven kostet vor Ort in Italien rund 2 € und reife Oliven werden für 1 € je Kilo angeboten. Für einen Liter Olivenöl braucht man ungefähr 10 Kilo unreife oder 5 Kilo reife Oliven. Dazu kommen betriebswirtschaftliche Kosten bei der Herstellung und Vermarktung: für Erntenetze, Erntehelfer, Fahrzeuge, Leitern, Mahlgebühren in der Olivenmühle, Pressung, Flaschen, Verschluss, Etiketten, Kartons und Marketing. Diese belaufen sich auf mindestens 5 € pro Liter Olivenöl. Berücksichtigen wir jetzt noch den Zwischenhandel und die Gewinnmargen des Einzelhandels, so kommen wir für eine 0,5-Liter-Flasche mit reinem Olivenöl gesicherten Ursprungs auf einen Preis für in Deutschland gehandeltes Olivenöl von mindestens 9 bis 18 €. Zu glauben, dass man in Deutschland 0,5 Liter echtes, ursprungsreines, unverfälschtes oder nicht gepanschtes Olivenöl für 5 € kaufen kann, ist angesichts dessen schon nicht mehr bloß naiv, sondern Selbstbetrug.

Ein gutes Olivenöl müsste genauso viel kosten, wie ein guter Wein.
Ein Erntehelfer sammelt an einem Arbeitstag in etwa Weintrauben für 500 Dreiviertelliterflaschen Wein. Sammelt er stattdessen Oliven, so kann man von den im gleichen Zeitraum gesammelten Oliven aber nur 17 Flaschen Olivenöl pressen, wobei sich mit reifen Oliven die Menge fast verdoppeln lässt. Allein hieraus wird schon der immense Arbeitsaufwand bei der Olivenernte ersichtlich.

Erinnern Sie sich noch an den Glykolwein-Skandal von 1985 oder haben davon gehört?
Bei einem bekannten deutschen Discounter, nennen wir ihn einmal „ES KOSTET NIX“, wurden vor allem Spätlese- und Trockenbeerenauslese-Weine und Eiswein für ca. 3,50 DM (entspricht 1,79 €) angeboten. Bei einem ehrlichen und sorgfältig produzierenden Winzer hätten solche Weine damals mindestens 25 DM gekostet. Diese Weine wurden nicht nur mit Zucker versetzt (was leider auch heute noch legal ist), sondern zur Alkoholanreicherung zusätzlich mit Frostschutzmitteln gepanscht. Die Weinverfälschungen wurden aufgedeckt, als ein Winzer auffällig große Mengen von Frostschutzmitteln steuerlich geltend machen wollte, obwohl er lediglich einen kleinen Traktor besaß. Die Lehre ist: Wer ein Produkt, das eigentlich 25 DM kosten sollte, für 3,50 DM kauft und tatsächlich glaubt, auf diese Weise ein Schnäppchen zu machen, ist selbst schuld.

Auf dieser Welt ist nichts umsonst (oder man kauft den letzten Dreck).
Es ist völlig legitim, seine persönlichen Prioritäten anders zu setzen als ich, aber dann sollte man sich eher für ein gutes Raps- oder Sonnenblumenöl entscheiden, dass ca. 2,50 € je 0,5 Liter kostet. Überlegen Sie einmal: Am 9. Juni 2020 kostete eine Unze Gold 1665 €. Wenn jemand Ihnen eine Unze Gold für 600 € anbieten würde, was würden Sie denken? „Oh, das ist günstig! Das kaufe ich!“, oder: „Betrug! Da lasse ich lieber die Finger davon.“?

Wenn Sie also bereit sind, für 0,5 Liter Olivenöl mindestens 9 € auszugeben, dann lesen Sie gerne den nächsten Teil der Reihe, in dem es um Eigenschaften von Oliven und Olivenöl geht und darum, warum manche Öle bitterer sind als andere.

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